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Der Traum vom Olymp

Eine erste Bilanz der Fußball-WM 2010

 

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 war ein voller Erfolg. Sie hat das Bild von Südafrika und vom Kontinent aufpoliert. Südafrika war ein guter Gastgeber. Finanziell haben sich die – schon im Vorfeld überzogenen – Erwartungen nicht erfüllt. Den Profit machten andere.

von Hein Möllers

Ein Wintermärchen? Nein, das war die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika nicht. Wintermärchen wäre nur ein simples Wortspiel, das sich an das Sommermärchen 2006 in Deutschland anlehnt, zudem mit einem Anklang an ein alles andere als erbauliches Epos von Heinrich Heine. Ein solch begrifflicher Abklatsch wird der ersten Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent nicht gerecht.

Die Südafrikaner feierten in den Turnierwochen sich selbst und ihren Kontinent. Weiße fuhren mit Vorortszügen und Minibustaxis und strömten durch die Straßen der Townships, was sie sonst aus Angst vor Gewalt und Unfällen nie tun. Die Regenbogennation war wieder da. Zumindest für einige kurze Wochen. Denn auch der Fußball kann über die Tristesse in den Townships und die extreme Ungleichheit nicht hinwegtäuschen, erst recht nicht die Probleme der Gesellschaft lösen. Trotzdem: Die WM 2010 war ein Erfolg.

Südafrikas WM-Organisationen haben viel Lob erhalten. Die Fifa hat sie auf die Liste der Länder gesetzt, die für einen Notfall B einspringen können. Und Südafrika nutzt die Gunst der Stunde und will sich für die Olympischen Spiele 2020 bewerben. IOC-Präsident Rogge hat die Meldung wohlwollend aufgegriffen.

Südafrika hat ein neues Selbstbewusstsein und ein positives Selbstbild gewonnen, von dem auch der Kontinent profitieren konnte. Die Medien in Deutschland etwa zeichneten – bei allen Qualitätsunterschieden und auch Missgriffen – ein farbiges, vielschichtiges Afrika.

Südafrika präsentierte sich als modernes Afrika, das so gar nicht in die Zerrbilder passte. Rund drei Millionen Fans sahen die Spiele live, Zigmillionen verfolgten sie in den Fanparks und Abermillionen weltweit an den Fernsehern – eine große Kulisse für Südafrika. Die Südafrikaner haben gezeigt, dass sie Großereignisse meistern können und sind stolz darauf.

„Wir haben alle Erwartungen übertroffen und die Schwarzseher widerlegt“, sagt Danny Jordaan, Chef des südafrikanischen Organisationskomitees. Zu chaotisch hieß es, zu afrikanisch, zu gefährlich vor allem.

 

Friedliche Spiele

Im Vorfeld hatte ein britisches Revolverblatt prophezeit, es werde „ein Schlachtfest für Schlachtenbummler“. Wenige Tage vor dem Eröffnungsspiel wurden auch einige ausländische Journalistenteams bedroht und beraubt. Im Verlaufe des Turniers wurden aber keine Zwischenfälle über Taschendiebstähle hinaus gemeldet. Insgesamt hat Südafrika seinen Gästen eine sichere WM geboten.

Es waren friedliche Spiele, es gab keine Übergriffe von Hooligans, keine Streitereien zwischen Fan-Gruppen. Es wurde gefeiert. Auch nach den Spielen, ohne dass man in den Straßen um seine Sicherheit fürchten musste. Johan Burger, einst hoher Polizeioffizier, heute Mitarbeiter eines südafrikanischen Instituts für Sicherheitsfragen, zeigte sich beeindruckt von der hohen Qualität der polizeilichen Arbeit.

Die Regierung hat 41.000 zusätzliche Polizisten für die Sicherheit abgestellt. Die Zusatzkosten werden auf 88 Millionen US-Dollar veranschlagt. Die Zusammenarbeit der nationalen Polizei SAPS mit 25 Interpol-Mitgliedsländern und die Einrichtung von „Special Courts“ (Gerichts-Schnellverfahren) rundeten diese präventive Sicherheitstaktik der Behörden ab. In den Ausrichterstädten zeigten südafrikanische Sicherheitsbeamte stets Präsenz und unternahmen zahlreiche Hausdurchsuchungen, Razzien und Patrouillen. Unterdessen lobte und honorierte die Fifa Südafrika für dessen organisatorischen Ausrichter-Fähigkeiten mit 9 von 10 möglichen Punkten, im Vergleich zu 7,5 Punkten zum Confederations Cup 2009.

Für die Fans und die angereisten Gäste waren es also friedliche Spiele. Anders als in vielen Townships. In der zweiten Hälfte des Turniers wurden Warnungen vor fremdenfeindlichen Übergriffen verstärkt gemeldet. Unbeachtet von den Medien wurde Militär in die Vorstädte verlegt, wo soziale Proteste befürchtet wurden, vor allem dort, wohin jene Menschen verfrachtet wurden, die von Zufahrtsstraßen zu den Stadien vertrieben wurden, um das „freundliche“ Bild nicht zu stören. Deutsche Entwicklungshelfer in den Townships der Provinzen Gauteng und Western Cape haben auf Nachfrage grundsätzlich bestätigen können, dass eine Vielzahl der Einwanderer vielerorts mit dem Tode bedroht wurde. Eine Konsequenz haben einige für sich bereits treffen müssen: nämlich die Ausreise aus Südafrika.

Es bleibt nach wie vor in Südafrika gefährlich, und die Lage kann jederzeit wie ein Flächenbrand eskalieren. Solange Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit den Alltag vieler Südafrikaner in den Townships dominieren, wird die Xenophobie nicht nachhaltig gelöst werden können. Die positive Sicherheitsbilanz zur WM 2010 lässt jedoch Hoffnung aufkommen.

 

Das Turnier hat seinen Preis

Große Erwartungen wurden in die wirtschaftlichen Auswirkungen gesetzt. Schätzungen des von der südafrikanischen Regierung beauftragten Unternehmensberatungsbüros Grant Thornton International zufolge sollte die Fußball-WM in den fünf Jahren bis 2010 etwa 55,7 Milliarden Rand zur südafrikanischen Wirtschaftsleistung beitragen. Dabei sollten über 400.000 Arbeitsplätze entstehen und 19,3 Milliarden zusätzliche Steuereinnahmen. Von den prognostizierten zusätzlichen 483.000 Touristen wurden Einnahmen um 8,5 Milliarden Rand veranschlagt; die Gesamtzahl jährlicher Südafrika-Reisender sollte durch die zusätzlichen Besucher auf über 10 Millionen gesteigert werden.

Der Anteil der Arbeiten, der von einheimischen Unternehmen ausgeführt wurde, ist nicht genau bekannt. Das Organisationskomitee hat sich durchaus bemüht, bei Aufträgen, die unmittelbar mit den Arenen in Zusammenhang standen, kleine sowie „schwarze“ Unternehmen zu bevorzugen, die spezielle Bestimmungen für Small, Medium and Micro Enterprises (SMME) sowie Black Economic Empowerment (BEE) erfüllen. Nach den letzten, zur Verfügung stehenden Daten sollen bis September 2008 55 Prozent der Investitionen an BEE- und 26 Prozent an SMME-Unternehmen geflossen sein.

Zeitgleich mit der WM-Gruppenauslosung fand in Stellenbosch ein Seminar internationaler Sportökonomen statt, die vor einer „notorischen Überschätzung“ des ökonomischen Nutzens dieser Großveranstaltung warnten: „Der Weltcup wird keine Dollars vom Himmel regnen lassen“, befürchteten sie.

Am 2. Juli 2010 bekräftigte der Finanzminister Südafrikas, Pravin Gordhan, auf einer Fifa-Konferenz in Johannesburg die Chancen des international größten Fußball-Wettbewerbes für das Ausrichterland. Neben den nicht messbaren Imagegewinnen, welche dem Tourismus zu Gute kommen werden, hielt der einflussreiche Minister des ANC fest, dass im Lande ein Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den verschiedenen Ethnien zu erkennen sei. Ferner betrage der Anteil der WM am diesjährigen Bruttoinlandsprodukt knapp 0,4 Prozent. In absoluten Zahlen werde der Wert der hergestellten Güter mit 38 Milliarden Rand, umgerechnet etwa 3,9 Milliarden Euro, quantifiziert. Im Rahmen der WM seien fast 130.000 – allerdings überwiegend temporäre – Arbeitsplätze geschaffen worden.

Die Kosten für unmittelbare WM-Projekte veranschlagte Gordhan für die nationale Ebene auf 33 Milliarden Rand; umgerechnet etwa 3,3 Milliarden Euro. Die WM-Ausgaben der Provinzen und Kommunen schätzte er auf drei bis fünf Milliarden Rand.

Gefragt nach den nachhaltigen Auswirkungen der Weltmeisterschaft auf Südafrikas Volkswirtschaft und Gesellschaft hielt sich Finanzminister Gordhan in einer Pressekonferenz zum Abschluss des Turniers sichtlich zurück: „Ich weiß, dass Sie hier Antworten erwarten, aber ich bin sicher, dass sich weit nach der Weltmeisterschaft die sozialen und ökonomischen Vorteile, die dieses Turnier dem Land geboten hat, einstellen werden.“

Dieses Herausreden des Finanzministers erweist sich als Flucht aus einer zunehmend kritischen Debatte um den Sinn und Zweck einer Weltmeisterschaft für das betreffende Ausrichterland, wenn die Kosten stets die Einnahmen übersteigen und die Fifa als der wahre Gewinner aus der WM hervorgeht. Allein die Information, dass im Rahmen der WM 130.000 Jobs vor allem beim Stadionbau geschaffen wurden, lässt nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Arbeiter nach Ablauf des Sportevents erneut von der Arbeitslosigkeit eingeholt werden. Wie prekär die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist, zeigen die letzten Daten des Statistikamtes. Präsident Zuma versprach bei seiner Amtseinführung eine halbe Millionen neuer Stellen. Anderthalb Jahre später waren mehr als eine Million Arbeitsplätze verloren gegangen. Die Arbeitslosigkeit liegt inoffiziell bei 40 Prozent.
Unmittelbare Verlierer waren hier die kleinen fliegenden Händlerinnen. In den Sonderzonen um die Stadien und Fan-Meilen durfte Geschäfte nur machen, wer eine Fifa-Lizenz besaß oder ausgewiesener Sponsor der WM war. Wenig zimperlich verfolgte die Fifa jeden Verstoß. 2.500 Fälle waren zur Hälfte des Turniers anhängig. Dem Verkäufer eines WM-Schlüsselanhängers drohte die Fifa mit einer Geldstrafe von 10.000 Euro. In Kapstadt hatte eine Mission in einem Innenhof einen Bolzplatz für Straßenkinder eingerichtet. Der Platz lag aber in einer Spezialzone, zu der die Fifa die Verwaltung gedrängt hatte. Während der WM war deshalb die Nutzung verboten. „Die WM wird als profitables Geschäft vermarktet, aber die einfachen Südafrikaner blieben außen vor“, empörte sich der Gewerkschafter Tony Ehrenreich.

Materiell profitiert hat in erster Linie die südafrikanische Bauindustrie. Sie war ausgelastet. Auch die Bauarbeiter konnten verbesserte Löhne durchsetzen. Doch jetzt dürfte in diesem Sektor die Konjunktur abflauen. Auch der Einstieg in den öffentlichen Nahverkehr mit neuen Bussystemen dürfte auf Dauer dem Land zugute kommen, vor allem, wenn man diese ersten Ansätze jetzt konsequent ausbaut.
Zufriedene Gesichter auch in der Tourismusindustrie. SA Tourism meldete für große Hotels und Tourismusketten eine Auslastung von 60 bis 70 Prozent. Die kleinen Betriebe, die mit Blick auf die WM in Gästebetten investiert hatten, blieben jedoch überwiegend leer und sitzen nun auf ihren Krediten.

Die Ausgaben der Touristen und Fußballfans haben nach Schätzungen 1,5 Mrd. Euro in die südafrikanische Wirtschaft gespült.

 

Weiße Elefanten?

Kompensiert das in etwa die Ausgaben, die Südafrika tragen muss? Insgesamt hat Südafrika – Staat, Provinzen und Industrie – 4,5 Mrd. Euro in eindrucksvolle Stadien, in Telekommunikation und Verkehrsinfrastruktur gesteckt. Nachhaltig dürften wohl nur die Investitionen in den Verkehr sein, der Einstieg in einen leistungsfähigen Nahverkehr, der wegen der WM vorweggenommen wurde. Der Ausbau steht allerdings noch aus, und dessen Finanzierung ist nicht zuletzt wegen anderer WM-Ausgaben nicht sicher.

Die Arenen dagegen sind für den Alltagsgebrauch zu groß, und nur wenige können adäquat zurückgebaut werden. Südafrika hat viel in eine Stadienarchitektur nach internationalen Maßstäben investiert, schon um gängige Klischees zu widerlegen. Viele Stadien dürften allerdings demnächst leer stehen. Der Unterhalt verschlingt jährlich Millionenbeträge. Dafür stehen die arg gebeutelten Kommunen in der Pflicht. Doch zugkräftige Heimatklubs fehlen an vielen Orten wie Kapstadt oder Port Elizabeth. In Nelspruit oder Polokwane gibt es keinen Oberligaklub.

Gewinner sind sicher Johannesburg und Pretoria. Dort gehört das Loftus-Versfeld-Stadion der Blue Bulls Rugby Union. Die Betreiber gehen davon aus, dass zehn ausverkaufte Spiele im Jahr die Betriebskosten einspielen.

Auch Durbans Mehrzweckstadion ist dank seiner spektakulären Konzeption das einzige, das bereits vor der WM auf Einkünfte verweisen konnte. Bunggejumping-Veranstalter spielten im Vorfeld umgerechnet ein Halbe Millionen Euro ein. Die jährlichen Betriebskosten werden auf 15 Mio. Rand (1,6 Mio. Euro) geschätzt. Sie könnten durch Mehrzwecknutzung eingespielt werden.

Die Kritik kam schon früh: „Beim Bau solcher Riesenstadien werden Ressourcen benötigt, die dann für Schulen und Krankenhäuser fehlen“, sagte der kürzlich verstorbene Schriftsteller Dennis Brutus. Für die Baukosten hätte man 60.000 Häuser für 300.000 Menschen bauen können. Die Stadien wurden innerhalb von vier Jahren aus dem Boden gestampft. Ein zum gleichen Zeitpunkt gestartetes Projekt im sozialen Wohnungsbau wird dagegen nicht vor 2013 fertig sein.

Erzbischof Desmond Tutu hält dagegen: „In Afrika passiert so viel Negatives. Wenn wir deshalb Weiße Elefanten haben, soll es halt so sein.“

Die Fifa jedenfalls ist zufrieden. 1,2 Mrd. US-Dollar habe seine Organisation ausgegeben und 3,5 Mrd. eingenommen, teilte Fifa-Chef Blatter mit. Dagegen nimmt sich der Gewinn des südafrikanischen Organisationskomitees mit rund 100 Mio. US-Dollar bescheiden aus.

 

Fick Fufa

Die Fifa ist – wie bei jeder Fußballweltmeisterschaft – der große Gewinner. Noch nie hat der Verband mit der WM so viel Geld verdient wie in Südafrika. 2,8 Mrd. Euro brachten Fernsehrechte und Werbeeinnahmen ein, 700 Mio. Euro mehr als vor vier Jahren in Deutschland.

In Südafrika musste der Verband, der bei der Vergabe der WM noch viel Lob erntete, jedoch wegen seines Gebarens als Staat im Staate und seiner Reglementierung des lokalen Marktes heftige Kritik einstecken. In Kapstadt kursierten T-Shirts eines lokalen Künstlers mit dem Aufdruck „Fick Fufa“.

Gewaltig war im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft die Freude in Südafrika. „We will benefit from this event“, so die einstige These in den südafrikanischen Medien. Ob in Kapstadt, Durban oder Johannesburg – überall erwartete man mit großer Spannung das bisher größte Spektakel auf dem afrikanischen Kontinent und einen fiskalischen Gewinn für die Nation und den einzelnen Bürger. Doch spätestens als bekannt wurde, dass die WM-Hymne auf dem afrikanischen Kontinent nicht an einen (süd)afrikanischen Sänger vergeben wurde, empfand man den Song „This time for Africa“ der Lateinamerikanerin Shakira als Zynismus. Als dann am Ende der WM bekannt wurde, dass großer Druck auf Mandela ausgeübt worden war, trotz Trauerfall in der Familie und gesundheitlicher Probleme zur Eröffnung, zumindest aber zum Abschluss zu erscheinen, hat das der Fifa in Südafrika den Rest des Ansehens gekostet.

Die Fifa hat klare Vorgaben zur Vergabe einer Weltmeisterschaft an das Gastland aufgestellt. Im Reglement zur WM 2010 stellt die Fifa unmissverständlich klar, dass die Meisterschaft eine „Veranstaltung der Fifa“ ist. Dem südafrikanischen Fußballverband Safa und dem Organisationskomitees (LOC) wurde die Funktion des „ausrichtenden Verbandes" zugeteilt. Zahlreiche Übereinkünfte zwischen Fifa und Safa haben den Gestaltungsspielraum der Südafrikaner stark eingeschränkt. Das Reglement, Basispapier der Fifa mit dem Gastland, hält fest: „Der ausrichtende Verband unterliegt der Überwachung und der Kontrolle der Fifa, die in allen Punkten bezüglich der Weltmeisterschaft letztinstanzlich entscheidet. Die Entscheidungen der Fifa sind endgültig.“ Der Veranstaltungsvertrag mit Pflichtenheft, die Fifa-Richtlinien und -Zirkularen sowie die Fifa-Statuten und -Reglemente ermöglichen dem Verband die totale Kontrolle über die südafrikanischen „Partner“.

Auf der anderen Seite entledigt sich die Fifa jeglicher Verantwortung. So heißt es im Punkt 2.3. des Reglements: „Der ausrichtende Verband entbindet die Fifa von jeglicher Verantwortung und verzichtet auf jegliche Ansprüche gegenüber der Fifa und ihren Delegationsmitgliedern für Schäden durch irgendeine Handlung oder Unterlassung in Zusammenhang mit der Organisation und dem Ablauf der Weltmeisterschaft“. Die Verantwortung für die Wahrung von Sicherheit und Ordnung im Innen- und Außenbereich der Stadien haben die Südafrikaner allein zu tragen.
Klare Regeln gibt es bei den Gewinnen. Die Fifa wacht über sämtliche Erträge aus Sponsorenverträgen sowie Übertragungsrechten und achtet darauf, dass diese strikt nach Zürich abfließen. „Alle gewerblichen Rechte in Bezug auf die Weltmeisterschaft liegen bei der Fifa und werden von ihr kontrolliert“.

Wenn man sich diese Situation vor Augen hält, dann ist es verständlich, dass vor allem der kleine Mann im Lande sauer auf die Fifa ist, welche nun gerne auch als „Fifa-Mafia“ bezeichnet wird.

Die Fifa hat in der Schweiz den Status einer gemeinnützigen Organisation und ist somit von der Steuerpflicht weitgehend befreit. Die Gemeinnützigkeit unterstreicht der Verband gelegentlich mit dem Hinweis auf die offizielle Kampagne für die Errichtung von 20 Zentren für Bildung, Gesundheit und Fußball in ganz Afrika. Das erste der fünf für Südafrika vorgesehenen Zentren wurde am 5. Dezember 2009 bereits im Township Kayelitsha eröffnet und dient unter anderem der HIV-Prävention. In Ruanda, Ghana, Mali, Kenia und Namibia befanden sich bei der WM fünf weitere dieser Zentren im Bau. Es ist in der Tat eine Kampagne der Fifa, bezahlt wird die allerdings vom südafrikanischen WM-Organisationskomitee.

Die Fifa spricht von der bislang wirtschaftlich erfolgreichsten WM. Kein Wunder. Sie hat die Regeln diktiert und viele Südafrikaner fassungslos gemacht, die glaubten, so etwas sei in einer Demokratie nicht möglich. Der Nutzen ist zwiespältig, denn materiell hat das Land draufgezahlt.

Deutschland dagegen hatte sowohl wirtschaftlich wie sportlich von der WM profitiert. Die Nationalmannschaft konnte ihr Image vom Rumpelfußball ablegen. Nun hat sich der südafrikanische Fernsehkanal SuperSport erstmals die Übertragungsrechte für die Fußball-Bundesliga sichern können. Mit Start der Saison werden vier Spiele live übertragen. Der Sender verfügt über ein kontinentales Netz bis hin nach Westafrika mit 3,5 Millionen Empfangsapparaten. Damit dürften etwa zehn Millionen Zuschauer erreicht werden.

Angepfiffen wurde viele Spiele in Südafrika mit Pfeifen aus dem Sauerland. Die Pfeife „Argentinien 78“ der Metallfirma MBZ Obernahmer übertönte mit 134 Dezibel alle Vuvuzelas. MBZ hatte Südafrika schon in Apartheidzeiten mit Pfeifen vom Typ Fox40 beliefert. Sie gingen an die Polizei.

 

Mit den Pfeifen aus dem Sauerland

Die deutsche Wirtschaft hat an der WM 2010 kräftig mitverdient, mehr als die anderer Länder. „Das Gesamtvolumen der WM-bezogenen Aufträge liegt für die deutsche Wirtschaft bei über 1,5 Mrd. Euro“, sagte Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Fast die Hälfte aller Investitionen, die Südafrika unmittelbar für die WM aufbrachte, floss in etwa 400 deutsche Unternehmen. Rund 700 deutsche Firmen sind in Südafrika aktiv. Ihr Umsatz wird auf 290 Mrd. Euro geschätzt.

Den Erfolg führt der DIHK-Referatsleiter für Afrika darauf zurück: „Diese Unternehmen haben ein Gespür dafür entwickelt, wie sie bei öffentlichen Aufträgen südafrikanische Unternehmen miteinbeziehen können.“ Konzerne wie Daimler und Siemens haben sich schon lange am Kap engagiert. Dass sie ihr „gutes Gespür“ in Zeiten der Apartheid entwickelt haben, erwähnt Heiko Schwiederowski nicht.

Stark beteiligt waren deutsche Firmen beim Stadionbau. MAN lieferte Überlandbusse. Zu den Spielen fuhren die Mannschaften in Bussen von Daimler, und die Siemenstochter Osram schaltete das Licht an. Viele Firmen sind zudem an langfristigen Projekten wie am Ausbau von Straßen, Aufbau des Nahverkehrs und der Energieversorgung beteiligt, die mit der WM begonnen wurden.

MAN und Daimler lieferten über tausend Fahrzeuge. Der Autozulieferer ZF Friedrichshafen half mit Antriebstechnik für 700 Fahrzeuge. „Allein die vierspurigen neuen Highways sind fantastisch und nutzen uns auch nach der WM“, sagte Aluwani Ramabulana, Vorstandschef von Daimler Fleet Management in Südafrika. „Für uns ist das Leben nach dem Turnier nicht zu Ende, es wird mehr bleiben als eine große Party.“

Siemens samt Töchter haben Aufträge für direkte und indirekte WM-Maßnahmen über knapp eine Mrd. Euro erhalten. Acht der zehn Stadien wurden mit ihrer Lichttechnik ausgestattet. Die Deutsche Telekom lieferte Informationstechnik für den Energie- und Transportsektor.

Einen Großauftrag konnte auch die Hamburger Architektengruppe Gerkan, Marg und Partner gewinnen: Für 400 Mio. Euro entwarf sie die Stadien in Durban, Port Elizabeth und Kapstadt. Das Stuttgarter Ingenieurbüro Schlaich, Bergermann und Partner kümmerte sich um die Dachkonstruktionen. Und das Memminger Familienunternehmen Pfeifer montierte das Flachdach in Kapstadt und verlegte mehr als 10.000 Glasscheiben aus dem sächsischen Wermsdorf. 52 Mio. Euro war der Auftrag wert, einer der größten der Firmengeschichte.

Auch Mittelständler wie der Armaturenhersteller Hansgrohe aus dem Schwarzwald haben die WM genutzt. Hansgrohe hat vier WM-Stadien und Luxushotels mit Duschköpfen und Armaturen versorgt. Bei der Ausstattung gebe es noch großen Bedarf, meldet die Firma. Sie ist seit zwei Jahren mit einer Tochterfirma im Land. Der Umsatz wächst zweistellig und nähert sich zehn Mio. Euro an. „Die Erfolge zur Fußball-WM bieten beste Voraussetzungen für unser Wachstum“, sagt Firmenchef Gänßlen. Es geht um mehr als um Designerduschen. In ganz Afrika bestehe ein großer Bedarf an Wassersparsystemen und -anlagen zur Aufbereitung von Brauchwasser. Die Absa-Bank hat Hansgrohe den größten Auftrag in der Firmengeschichte für ein Aufbereitungssystem gegeben. Mit der Technik von Hansgrohe recycelt die Anlage 45.000 Liter pro Tag.

Der Sportartikelhersteller und offizielle Fifa-Sponsor Adidas übte sich angesichts des Erfolges in Bescheidenheit: Im Vorfeld des Turniers erzielte Adidas eine Steigerung um 25 Prozent; auf Werbung in den Stadien verzichtete es erstmals bei einer WM.

Insgesamt wertet die deutsche Wirtschaft die WM in Südafrika als einen Zwischenschritt. Schwiederowski vom DIHKT sieht in der WM 2010 den Türöffner für die WM 2014 in Brasilien „Dann könnte das Auftragsvolumen von Südafrika noch einmal gesteigert werden.“

Zurück zu Südafrika. Was bleibt unter dem Strich? Das Land hat sich und der Welt bewiesen, was es zu leisten vermag. Die Politik muss nun zeigen, ob sie diesen Schwung umzusetzen vermag. Andernfalls werden die Widersprüche erneut aufbrechen.

Nadine Gordimer, Literaturnobelpreisträgerin, sagte in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 8. Juli 2010: „Sie kennen ja das alte Sprichwort: Die Leute brauchen Brot und Spiele. Aber es heißt eben tatsächlich Brot UND Spiele. Die Weltmeisterschaft hat den Leuten wunderbare Spiele beschert, und das freut mich. Aber was das Brot angeht, hat sich an den riesigen Problemen für die armen Menschen in Südafrika nichts geändert.....Nun müssen wir darauf achten, dass die Freude über die gelungene Weltmeisterschaft nicht die Aufmerksamkeit von dem ablenkt, was wirklich wichtig ist: das Wohlergehen meiner Landsleute.“

Das einmalige an der Veranstaltung sei gewesen: „Weiß und Schwarz und alle Farben dazwischen haben gemeinsam gefeiert. Sie saßen zusammen in Bars, in den Eckkneipen oder in Straßencafés und haben sich die Spiele angesehen.“ Die WM habe gezeigt, „dass unsere Rassenprobleme und Spannungen unter den richtigen Umständen sehr wohl überwunden werden können. Ich hoffe, dass die WM-Stimmung als gutes Beispiel dafür dient, dass sich die verschiedenen Volksgruppen in Südafrika für eine gemeinsame Sache begeistern können.“
 

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